Person springt über Abhang
IMA News · 11.08.21

Wie wir zu Mutbürger:innen werden

Mut ist machbar. Davon ist Prof. Dr. Volker Busch überzeugt. Eine Leidenschaft des Arztes, Wissenschaftlers und Autors ist die Welt von Geist und Gehirn.

Neurowissenschaftler und Arzt Prof. Dr. Volker Busch im Interview

Am 9. November dieses Jahres veranstaltet die MACH AG die 21. Auflage der Konferenz „Innovatives Management“. Anders als im Vorjahr ist wieder eine Präsenzveranstaltung geplant. Einer der Referent:innen ist Prof. Dr. Volker Busch, Neurowissenschaftler sowie Facharzt der Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie aus Regensburg. Wir haben ihm vorab vier Fragen gestellt:

Am 30. Juni wurde die Homeoffice-Pflicht aufgehoben – viele Vorgesetzte, auch aus der öffentlichen Verwaltung, wünschen sich ihre Mitarbeiter:innen zurück ins Büro. Fehlt es an Mut, neugewonnene Freiheiten zu etablieren und wird stattdessen die Flucht ins „alte Normal“ bevorzugt? Woher kommt diese Unsicherheit?

Ja, es fehlt in manchen Verwaltungen wahrscheinlich oft an Mut. Zumindest wenn man es als Ergebnisprozess versteht. Oft fehlt dabei gar nicht die innere Beherztheit, sondern es stehen andere Dinge im Weg: Ängste, Gewohnheiten, Perfektionismus – das sind Mutkiller. So geht der Mut verloren. Unsicherheit kommt oft daher, weil Menschen immer alles unter Kontrolle haben wollen. Führungskräfte in Verwaltungen waren bisher eher selten mit dem Homeoffice konfrontiert und haben sich demzufolge inhaltlich häufig noch gar nicht richtig damit auseinandergesetzt. Sie verspüren jedoch Kontrollverlust, weil sie die Mitarbeiter:innen nicht mehr um sich haben. Zum Mut gehört immer, etwas Kontrolle zu reduzieren. Oft gewinnt man die Kontrolle im Leben dadurch, dass man sie an bestimmter Stelle ganz bewusst aufgibt.

Auf der anderen Seite gibt es Entscheider:innen, die positive Erkenntnisse aus der Pandemie nutzen wollen – wie gelingt es ihnen jetzt, sich gegen die „Das war schon immer so“-Mentalität durchzusetzen und mehr zu wagen?

Mut ist immer etwas, was sich in einer Person abspielt. Andere können keinen Mut auslösen. Ich kann andere nur mit gutem Vorbild anstecken. Ich rate daher, gegen den Perfektionismus anzugehen. Wir laufen erst los – und das gilt sicherlich auch für öffentliche Verwaltungen – wenn uns Dinge 120-prozentig erscheinen –  das kann einen ohnmächtig machen. Diesen Perfektionismus müssen wir aufweichen und zu einer gewissen Experimentierfreude kommen. Und dieses Experiment muss ergebnisoffen geführt werden.

Beim Homeoffice könnte das Team beispielsweise eine halbjährliche Testphase mit zwei Tagen Homeoffice pro Woche starten. Am Ende schildert jede:r ihre:seine Erfahrung und alle entscheiden gemeinsam über das weitere Vorgehen. Neben Perfektionismus verhindert vor allem auch Gewohnheit Veränderungsbereitschaft, denn sie kann in Form von Angst daherkommen. Das meiste tun wir nicht, weil wir es gut finden, sondern aus Gewohnheit – bei 50 bis 70 Prozent aller Dinge, die wir machen, ist das der Fall.  Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Dennoch sind Ängste grundsätzlich etwas Positives, sie können Signalcharakter haben und mir sagen, was besonders wertvoll ist. Problematisch wird es, wenn Ängste zu stark werden und mich lähmen. Wenn ich das als Chef:in spüre, muss ich mich der Frage stellen, warum jemand Angst hat. Übertreibt er oder sie es vielleicht? Vielleicht führt das zur Erkenntnis, dass es eigentlich nur Gewohnheit ist, sich gegen Neuerungen zu sträuben.

Angst hat viele negative Nebenwirkungen. Welche positiven hat Mut?

Gefühle sollten nicht in positiv und negativ eingeordnet werden. Es kommt eigentlich immer auf das Zuviel oder Zuwenig an. Der Mittelweg ist meist der richtige. Angst kann uns, wie schon gesagt, vor Gefahren warnen. Nur wenn sie uns lähmt, wird es problematisch. Mut bringt uns zum Handeln, lässt uns Dinge voranbringen, weil wir Probleme lösen. Und wir empfinden uns als selbstwirksam: Wir können etwas bewegen und das stärkt unser Selbstbewusstsein. Zuviel Mut kann aber eben in Leichtsinn kippen.

Welche Chancen bieten sich speziell öffentlichen Einrichtungen für ein mutigeres Image?

Wer heute Wert auf das Image legt, beispielsweise beim Recruiting, muss solche modernen Arbeitsformen anbieten. Auch öffentliche Verwaltungen brauchen diesen Mut, solche Veränderungen anzunehmen, um vor allem junge Menschen zu begeistern.

Mehr zu Prof. Dr. Volker Busch sowie seiner Arbeit und seinen Vortägen finden Sie unter www.drvolkerbusch.de.

„Zum Mut gehört immer, etwas Kontrolle zu reduzieren.“

Prof. Dr. Volker Busch Neurowissenschaftler und Arzt
09.11.2021

Wie es gelingt, mehr zu wagen.

In seiner Keynote beim Kongress Innovatives Management am 9. November 2021 erklärt  Neurowissenschaftler Prof. Dr. Busch, wie es auch nach der Pandemie gelingt, mutig zu sein – und weiter zu wagen. Unter dem Leitthema „Die öffentliche Verwaltung im Post-Corona-Spagat“ kehrt der Lübecker Kongress als Präsenzveranstaltung zurück – wird aber auch erneut per Livestream übertragen.
Mut ist machbar - Innovatives Management 2021