News · 13.07.21

Barriere­freie Software-Ent­wick­lung mutig angehen

Julia Schuppan ist Stabsstellenleiterin für Unternehmenskommunikation bei der Lebenshilfe Erfurt. Sie ist schwerwiegend sehbehindert mit einem Visus von lediglich fünf Prozent. Im Interview erklärt sie, worauf es bei der Barrierefreiheit von Software ankommt und warum am Ende alle etwas davon haben.

Julia Schuppan ist Stabsstellenleiterin für Unternehmenskommunikation der Lebenshilfe Erfurt. Die 32-Jährige ist verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, das Markenmanagement und die Social-Media-Kanäle. Sie ist schwerwiegend sehbehindert, ihr Visus beträgt nur fünf Prozent.

 

Frau Schuppan, wie können wir uns Ihren Arbeitsplatz vorstellen? Inwiefern ist dieser auf Ihre Bedürfnisse angepasst?

Nichts an meinem Schreibtisch ist durchschnittlich, meine Büroausstattung hat insgesamt wohl an die 40.000 Euro gekostet, die von der Rentenversicherung gefördert wurde. Zwei Bildschirme gehören heute zwar fast überall zur Standard-Ausrüstung, aber ich kann auf ihnen Texte sehr stark vergrößern. Auch die Tastatur ist eine Spezialanfertigung. Die Tasten sind sehr kontrastreich gestaltet, die Buchstaben übergroß. Hinzu kommen Lautsprecher, eine Rollmaus, ein Bildschirmlesegerät, ein spezieller Bürostuhl und das für mich wichtigste Tool: ein Screenreader. Diese Hilfsmittel habe ich gleich zwei Mal: für das Büro und das Homeoffice. Wenn es die jeweilige Software oder Homepage erlaubt, wird mir alles vorgelesen. Für unterwegs habe ich einen mobilen Screenreader, den ich an meine Brille klippen kann. Der erkennt auch Farben und Gesichter. Allerdings gilt für beide Versionen des Screenreaders: Wenn zu viele bewegliche Elemente auf einer Website sind, bleibt er oft hängen. Bewegtbilder, wie z. B. Bild-Slider, Werbebanner, Videos oder Nachrichtenticker, können auf Websites zwar benutzt werden – für Sehbehinderte ist aber wichtig, dass sie abschaltbar sind.

„Insgesamt nehme ich wahr, dass immer mehr Entwickler:innen an einen unkomplizierten Zugang für Menschen mit Behinderungen denken, aber häufig vor der Fleißarbeit zurückschrecken.“

Julia Schuppan Stabsstellenleiterin für Unternehmenskommunikation, Lebenshilfe Erfurt

Fühlen Sie sich als Nutzerin von Online- und Softwareangeboten ausreichend integriert?

In den vergangenen fünf Jahren hat sich sehr viel zum Positiven verändert. Vor allem die technische Assistenz ist wirklich gut geworden. Dennoch gibt es immer noch viele Angebote, die nicht barrierefrei sind. Ich muss dann Kolleg:innen bitten, für mich etwas zu recherchieren. Das empfinde ich in Teilen schon als diskriminierend, weil mir der Zugang verwehrt bleibt. Insgesamt nehme ich aber wahr, dass immer mehr Entwickler:innen an einen unkomplizierten Zugang für Menschen mit Behinderungen denken, aber häufig vor der Fleißarbeit zurückschrecken.

 

Wie hat sich Ihr persönlicher Alltag durch die Digitalisierung in den vergangenen Jahren verändert?

Die Digitalisierung hat wirklich große Fortschritte gebracht. Viele Geräte, die ich heute nutze, gab es vor zehn Jahren noch gar nicht. Und auch die sozialen Medien sind eine große Hilfe. Die kann ich genauso nutzen wie alle anderen. Gleichzeitig nimmt die Offenheit vieler Menschen mit Behinderungen, über ihre Erfahrungen zu sprechen, online stetig zu. Zudem erschließen sich mir durch den Trend zu Audioproduktionen wie Podcasts oder Hörbücher immer mehr Medien. Viele Technologie-Unternehmen tun etwas für Barrierefreiheit – das hilft uns im Alltag. Übrigens ist Barrierefreiheit nicht nur für Menschen mit Behinderungen bedeutsam. Auch vielen Senior:innen erleichtert sie die Nutzung des Internets.

„Inklusion ist für mich, ein tolles Produkt zu schaffen, das auch barrierefrei ist.“

Julia Schuppan Stabsstellenleiterin für Unternehmenskommunikation, Lebenshilfe Erfurt

Was sind die größten Herausforderungen bei der Nutzung von Software?

Wenn Software nicht auch für den Screenreader programmiert ist, bekomme ich keinen Zugang zu dem Programm. Für die Verwendung von Bildern gilt, sie müssen immer einen sogenannten Alt-Text haben, der das Bild genau beschreibt. Wer wie ich mit Websites arbeitet, für den ist es auch besonders wichtig, dass nicht nur das Frontend, sondern eben auch das Backend barrierefrei ist. Um richtig navigieren zu können, muss ich zahlreiche Tastaturbefehle nutzen. Dabei helfen kleine Dinge wie Zwischenüberschriften oder aber die Funktion, sich mit der Tabulator-Taste vorwärts und rückwärts bewegen zu können. Letzteres sind die für mich wichtigsten Codes.

 

Was erschwert Ihnen den Zugang zu Online- oder Softwareangebote?

Barrierefreiheit bedeutet nicht schwarze Schrift vor weißem Hintergrund. Inklusion ist für mich, ein tolles Produkt zu schaffen, das auch barrierefrei ist. Aber bislang scheitern einige Lösungen daran, dass Entwickler:innen häufig gar nicht wirklich wissen, was Menschen mit Behinderungen ganz konkret brauchen. Viele Auftritte im Netz sind nach Barrierefreiheit-Kriterien viel zu komplex. Eine grundlegende Voraussetzung für die Nutzung einer Website oder Software durch Menschen mit Behinderungen ist: Sie muss ganz sauber strukturiert und programmiert sein. Und das am besten in der aktuellsten HTML-Version. Auch leichte Sprache hilft Menschen mit Behinderungen.

 

Was zeichnet aus Ihrer Sicht eine barrierefreie Software aus?

Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass Software- oder Online-Angebote nur dann wirklich barrierefrei sein können, wenn sie gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen entwickelt wurden. Wer seine Kunden nicht kennt, weil er ein falsches Bild von Behinderung hat, kommt zu falschen Nutzeranalysen. Entscheidend sind auch die Kompatibilität mit assistiven Technologien und Möglichkeiten der Individualisierung durch die User.

„Wer seine Kunden nicht kennt, weil er ein falsches Bild von Behinderung hat, kommt zu falschen Nutzeranalysen.“

Julia Schuppan Stabsstellenleiterin für Unternehmenskommunikation, Lebenshilfe Erfurt

Welche Faktoren der Barrierefreiheit werden aus Ihrer Sicht häufig überschätzt und welche unterschätzt?

Ganz klar überschätzt wird die Textvergrößerung. Nahezu alle Endgeräte können mittlerweile Textgrößen automatisch anpassen. Ich empfehle, stattdessen die nötigen Schnittstellen zu diesen Endgeräten herzustellen. Unterschätzt wird hingegen die Bedeutung einer sauberen Programmierung. Dazu gehört beispielsweise, immer den aktuellen HTML-Standard zu benutzen, eine klare Struktur der Website, die konkrete Auszeichnung von Elementen sowie die Möglichkeit, dynamische Inhalte abschalten zu können.

 

Welche Herangehensweise empfehlen Sie Software-Herstellern für die Entwicklung barrierefreier Produkte?

Wie bereits geschildert, sollte die Zielgruppe bereits in die Entwicklung einbezogen werden. Aber auch danach sollten Menschen mit Behinderung die neue Software unbedingt vor dem Launch testen, um möglich Schwachstellen zu identifizieren. Software-Hersteller sollten keine Kompromisse bei der sauberen Programmierung machen. Eine spätere Überarbeitung ist langwierig und teuer. Dabei müssen sich Software-Hersteller auf das fokussieren, was sie leisten können. Mein Rat: Seien Sie nicht perfekt, sondern legen Sie einfach los - aus Überzeugung für die Sache. Überprüfen Sie auch, ob Dienstleister, die sie vielleicht einbeziehen, für das Thema Barrierefreiheit qualifiziert sind. Der wichtigste Punkt aus meiner Sicht ist allerdings, dass Software-Hersteller oder die Anbieter von Websites erkennen, dass Barrierefreiheit auf die Usability für alle Nutzer:innen einzahlt – und gleichzeitig das Google-Ranking verbessert.

 

Wir bedanken uns für das spannende Interview!

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